Gespräch mit Christa Pesch, Gemeindereferentin und Diplom-Sozialpädagogin i. R., Supervisorin

In Zeiten, wo die öffentlich geführten politischen Debatten zunehmend von Polemik und einer Verrohung der Sprache geprägt sind und die sozialen Medien Menschen dazu verleiten, in einer gefühlten Anonymität, den eigenen Ärger an Anderen in Form von Beschimpfungen und Hasstiraden los zu werden, erscheint es notwendiger denn je, sich auf Kommunikationsformen zu besinnen, die von gegenseitigem Respekt geprägt sind. Hierzu haben wir das folgende Gespräch geführt.

Fr. Pesch, Sie beschäftigen sich mit einer Kommunikationsmethode zur ‚wertschätzenden Kommunikation‘ und haben im Frühjahr dazu in unserer Gemeinde ein Seminar angeboten. Was hat Sie selbst an dieser Methode begeistert?
Bei einem Treffen der geistlichen Begleiter /innen vor vielen Jahren habe ich diese Methode näher kennengelernt. Ihr Hintergrund entspricht den Grundlagen der personenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers, die mir vertraut ist. Darin geht es um die Wertschätzung und Annahme der Person, um Empathie, das meint einfühlsames Zuhören, und um Echtheit, also um Übereinstimmung mit dem, was ich sage. Später hat Carl Rogers noch die Präsenz als wichtiges Element hinzugefügt. Dies bedeutet, dass ich wirklich gegenwärtig und mit meinen Gedanken nicht woanders bin, wenn der Andere mit mir spricht, und ich nicht in meinem Kopf schon die Antworten formuliere, bevor der Andere mit seinen Äußerungen fertig ist. Es gilt, Gespräche achtsam zu führen, sowohl was meine eigene Person betrifft, wie auch die des Anderen. Diese Elemente sind im Wesentlichen die Grundlage der wertschätzenden Kommunikation, in der die Selbst- und Fremdeinfühlung das Herzstück sind.

Können Sie unseren Lesern einige Basics benennen, die diese Methode in besonderer Weise kennzeichnen, und etwas über ihre Herkunft sagen?
Die Methode wurde von Marshall Rosenberg unter dem Begriff „Gewaltfreie Kommunikation“ (GfK) entwickelt. Der Begriff belegt dabei, dass wir auch mit Worten durchaus Gewalt ausüben können. Sie fußt auf der Erkenntnis, dass alles, was wir tun, dem Bestreben folgt, unsere Bedürfnisse zu erfüllen, um angenehme Gefühle zu haben.

Beeindruckt hat mich, dass es zunächst um die Einfühlung in mich selbst geht. Denn bevor ich mich wirklich in jemand anderen einfühlen kann, muss ich mich zuerst in mich selbst einfühlen können. Wenn ich mich, auch mit meinen Schwächen, selbst erkenne und annehme, kann ich den Anderen ebenfalls in seinem Sosein annehmen. Mit der Einfühlung höre ich z. B. auf zu vergleichen, zu bewerten und zu beschuldigen. Forderungen werden durch Bitten ersetzt, die dem Anderen die Möglichkeit offen lässt, auch einmal nein zu sagen.

Auf dem Tisch sitzen zwei Handpuppen, die Sie auch in dem Seminar eingesetzt haben. Was haben ein Wolf und eine Giraffe mit ‚wertschätzender Kommunikation‘ zu tun?
Die beiden Tiere stehen für die trennende und die verbindende Kommunikation.
Der Wolf als Symbol für die trennende Kommunikation denkt in moralischen Urteilen. Er steht für Vergleiche mit anderen – ist der jetzt besser oder schlechter –, für das Leugnen von Verantwortung, er fordert und kritisiert, er bewertet und stellt die Frage nach dem Schuldigen.
Die Giraffe steht für das Wahrnehmen der Gefühle und der Bedürfnisse. Sie trennt Wahrnehmung von Bewertung und teilt im Gespräch mit, was sie gehört und gesehen hat. Sie achtet darauf, welche Gefühle das Wahrgenommene ausgelöst hat, ob Bedürfnisse erfüllt oder nicht erfüllt sind.

Die Giraffe spricht in Ich-Botschaften: „Wie fühle ich mich, wie fühlt der Andere sich?“
Der Wolf spricht in Du-Botschaften, z. B.: „Du hast mich verletzt.“ Wir haben beides in uns, und es geht darum, dass wir den Wolf in uns annehmen, man könnte auch sagen umarmen, dann könnten wir es auch im anderen. Wenn wir uns selbst mit dem Giraffenblick sehen, können wir es auch beim anderen. So ein Blick ist besonders in Konfliktgesprächen lösungsfördernd. Es geht darum, Bedürfnisse zu erfüllen. Die eigenen und die der Anderen. Wenn z. B. Bedürfnisse nach Sicherheit, Freiheit, Vertrauen, Mitgefühl, Respekt erfüllt sind, stellen sich angenehme Gefühle ein. Bleiben solche Bedürfnisse unerfüllt, entstehen unangenehme Gefühle, wie Angst, Anspannung, Ärger, Traurigkeit.

Geben Sie in den Einführungen auch praktische Tipps und haben Sie einen für unsere Leser?
Wir wollen bei der Einführung ein Verständnis für die vier Schritte entwickeln, auf denen die wertschätzende Kommunikation aufbaut: Beobachtung – Gefühle – Bedürfnisse – Bitte. Dafür stehen vier Kärtchen, auf denen diese Schritte festgehalten sind. Das erste Kärtchen fragt: Was habe ich gesehen, was habe ich gehört? Über diese Fragestellung versuche ich, mich von Bewertungen und Beschuldigungen zu befreien. Auf dem zweiten Kärtchen steht: Welche Gefühle hat das Wahrgenommene ausgelöst? Das dritte Kärtchen stellt die Frage: Welche Bedürfnisse werden angesprochen bzw. erfüllt oder nicht erfüllt? Bei dem vierten Kärtchen geht es dann darum, eine Bitte an mich selbst oder an Andere zu richten. Diese Kärtchen geben eine Orientierung in der Gesprächsführung, besonders auch in Konfliktgesprächen.

Was macht diese Methode denn für den kirchlichen Kontext interessant?
Die Methode der wertschätzenden Kommunikation greift unmittelbar das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst” praktisch und konkret auf. In diesem Gebot geht es ja zunächst um die Selbstliebe, um die Selbstannahme. Meines Erachtens beginnt sie mit dem Respekt und der Einfühlung mir selbst gegenüber. So lernen wir, auch die ungeliebten Seiten in uns wahrzunehmen und anzunehmen. Nur so können wir Seiten, die uns bei anderen stören, annehmen; denn meistens nervt uns am anderen, was wir bei uns selbst noch nicht angenommen haben. Auf diesem Weg können wir die Nächstenliebe über die Selbstliebe lernen. In der Apostelgeschichte heißt es: „Seht, wie sie einander lieben”, ein Kennzeichen für die ersten Christen. Durch die Weise der Kommunikation können wir in unseren Gemeinden auch zu einem offeneren und wertschätzenderen Miteinander kommen, zu einem anderen Umgang mit Konflikten, da keiner mehr als Sieger oder Verlierer aus einem Konflikt hervorgeht. Im gegenseitigen Respekt und in der Anerkennung der Bedürfnisse aller finden wir konstruktive Wege, Konflikte zu lösen.

Was braucht es denn um ‚wertschätzende Kommunikation‘ in einer Organisation zu etablieren – mit einem Seminar ist ja wahrscheinlich nicht getan?
Es braucht Übung, das ist das Entscheidende. Die Methode braucht eine innere Haltung, die über Übung entwickelt werden kann. Hierzu können sich beispielsweise Interessierte zu einer Gruppe zusammenfinden und miteinander üben, Konflikte zu lösen. Wichtige Übungen bestehen darin, Beobachtungen von Bewertungen zu trennen, eigene Gefühle besser wahrzunehmen, Bedürfnisse zu erkennen und konkrete und erfüllbare Bitten zu formulieren. Hierzu gibt es eine Menge Literatur – auch zielgruppenspezifisch (für Eltern, Kitas, Schulen und Gemeinde) – die Methoden anbieten, wertschätzende und einfühlende Kommunikation einzuüben.

Wertschätzende Kommunikation‘ und soziale Medien – kann dieses Modell nur im direkten persönliches Sprechen angewandt werden oder hat es auch Auswirkungen auf den Umgang in sozialen Medien?
Es versteht sich von selbst, wenn ich gelernt habe, mich in mich selbst und in andere mehr einzufühlen, dass es Folgen haben wird, wie ich in sozialen Medien kommuniziere. Ich werde mich nicht an Mobbing und Beschimpfungen in sozialen Medien beteiligen. Da passt die Goldene Regel: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Herzlichen Dank für das Gespräch.
Dieses Interview führte Reinhard Linke

 

Bild von John Hain auf Pixabay

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