Brotzeit – Gerechtigkeit statt Opfer

„Sage mir, was Du isst, und ich sage Dir, wer Du bist!“ Ob „öko“, vegan oder Hausmannskost, kein anderer menschlicher Lebensbereich ist so stark ideologisch besetzt wie das Essen. Lebensmittel ohne Pestizide, am besten aus der Region, die Tierhaltung artgerecht und alles ohne Plastik …, die Messlatte der Verbraucher ist hoch.

Mülheimer Gottestracht 2019

Andere Zeiten, andere Sitten. Jesus schätzte die Tischgemeinschaft und war einem leckeren Essen nie abgeneigt. Jesu Tischgespräche sind überliefert. Gerade da äußert er die schärfsten Worte zum Thema religiöse Heuchelei, gerade hier tritt er auf als Enfant terrible.

„Nenne mir Deinen Tischnachbarn, und ich sage Dir, wer Du bist!“ In allen Religionen ist das Essen ritualisiert. Hier gibt es ein strenges Reglement. Welche Nahrungsmittel sind „rein“, welche als „unrein“ verworfen? Die Art der Zubereitung, die Herstellung der Produkte und vor allem die Tischgemeinschaft …, Essen verbindet oder grenzt aus.

Andere Zeiten, andere Sitten. Im Alten Orient aß längst nicht jeder mit jedem. Tischgesellschaften waren geschlossene Gesellschaften. Man kannte sich, man traf sich, man schätzte sich. Jesus war inmitten der geschlossenen Gesellschaft wie ein Exot. Er erfüllte die Erwartungshaltung seiner Zuhörer und war immer gut für einen Skandal. War er heute Gast bei den Vertretern des Establishments, so saß er am folgenden Tag bei Hallodris und Halunken. Das Urteil der feinen Gesellschaft war heftig: „Er frisst und säuft mit Pharisäern und Nutten!“

Jesu Verhalten war anstößig. Er orientierte sich nicht an den Verhaltensnormen seiner Zeit. Er beging einen Tabubruch: Essen und Trinken sind Zeichen eines befreiten Lebens. Gott ist der Gastgeber und bittet zu Tisch. Seine „Gästeliste“ schließt gerade jene ein, die bis dahin außen vor blieben.

Andere Zeiten, andere Sitten. Die ersten Christen hatten ihre große Mühe, den Anbruch des Gottesreiches zu leben. Gerade bei Tisch, im Essen und Trinken, kam es zu den schärfsten Auseinandersetzungen. Die Sitzordnung bei Tisch sorgte für Sprengstoff: eine unreine Frau neben einem gottesfürchtigen Mann? Sklaven neben Freien? Heide neben Jude? Spätestens beim Hauptgang kam es zu Tumulten: Was ist hier koscher? Wohin mit Fleisch aus heidnischen Tempeln? Ist auch das Essgeschirr kultisch gereinigt?

„Nehmt, dankt, esst und trinkt!“ – das ist der neue Gottesdienst. „Nehmt!“ – die Gemeinschaft mit Gott. „Dankt!“ – für die Gemeinschaft mit Gott. „Esst!“ – Gott wird zur Nahrung meines Lebens. „Trinkt!“ – ich schlürfe das Ewige Leben. Im Reich Gottes gibt es weder Tempel noch Priester, weder Predigt noch Orgelspiel. Da ist ein riesiger Tisch, der den ganzen Himmel ausfüllt. Daran sitzen sie alle einträchtig nebeneinander: zum ewigen Frieden. Niemand fragt nach Herkunft, Geld oder Beruf, denn die Alte Welt ist endgültig Vergangenheit.

Vorläufig leben wir noch in der Alten Welt. Da feiern Katholiken Fronleichnam und Protestanten gehen zur Arbeit. Sonntags läuten die Glocken: Katholiken gehen zur „Heiligen Messe“ und Protestanten zum „Abendmahl“. Eifrige Glaubenswächter sorgen dafür, dass sich auch nichts „vermischt“. Vielen ist der Appetit auf Religion vergangen – und machen auf Freizeit. „Brotzeit“ ist verkommen zur Fast Food. Es geht auch anders. Selbst im langweiligsten Gottesdienst steckt immer noch der Hinweis: Jesus setzte ein Zeichen. Brot und Wein stehen für die neue Schöpfung. Da ist der Tod gestorben und das Leben geboren.
„Brotzeit“ ist der neue Gottesdienst. Gott erkennen im gemeinsamen Essen. Gott wohnt nicht fernab von den Menschen. Er ist mitten unter uns, wenn wir mit dem Tischnachbarn Frieden schließen. Das versöhnte Leben ist das Ziel. Die Tischgemeinschaft mit Gott ist das „ewige Leben“.

Pfarrer Christian Weinhag

Vita:

christian weinhag geboren 1952, ist Theologe,
seit 1992 katholischer Priester und seit der Gründung von St. Clemens und Mauritius im Jahr 2010 Mitglied
des hiesigen Pastoralteams. Zuvor war er bereits seit 1999 Pfarrer der Vorgängergemeinde St. Clemens und Liebfrauen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten
zählen Kunst und Kultur und in den Wochen vor
Fronleichnam die Mülheimer Gottestracht.

 

GOTTESTRACHT


Die Mülheimer Gottestracht ist die Fronleichnamsprozession unserer Pfarrei. Ihre Besonderheit ist die seit mehr als 600 Jahren mit der Landprozession verbundene Schiffsprozession auf dem Rhein. Die Schiffsprozession beginnt nördlich der St. Clemenskirche, fährt bergwärts und dann talwärts jeweils bis an die Stadtgrenzen der ehemaligen Stadt Mülheim am Rhein und endet wieder am Ausgangspunkt.

Mehr Informationen finden Sie unter:
www.clemens-mauritius.de/gottestracht

Illustrationen: Silke Grimm
Quelle: fotolia.com, Foto: Rawpixel.com *


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